Das Kärntner Brillenschaf
altbewährt - robust - langlebig!

Kärntner Brillenschafe um 1950 in den Julischen Alpen

 

Die Geschichte des Kärntner Brillenschafes

Die Schafzucht hatte in Kärnten schon seit jeher eine große Bedeutung, da gerade im Süden des Landes viele Weideflächen für das anspruchsvolle und unbeweglichere Rind nicht geeignet sind. Vor allem in den Kalkalpen (Karnische Hauptkette, Steiner Alpen und den Karawanken), wo steile Hänge und aufgrund der Wasserdurchlässigkeit des Kalkes eine eher karge Vegetation vorherrschte, waren die Schafe für die Bevölkerung eine wichtige Einnahmequelle. Sie deckten mit wenigen Tieren ihren Eigenbedarf an Fleisch und Welle. Der Export zahlreicher Tiere in das benachbarte Italien, sowie in andere Teile Österreichs wie Salzburg, Tirol oder die Steiermark, war für die Kärntner Schafzüchter jedoch der entscheidende Absatzmarkt. So gingen bereits 1504 nicht weniger als 2359 Schafe aus Kärnten nach Italien. 1774 waren es 922 Schafe und 1775 954 Schafe. Die zu dieser Zeit in Kärnten üblichen Landschafe entsprachen den in vielen Teilen Europas verbreiteten Zaupelschafen. Dies waren kleine, mischwollige Schafe, die robust und genügsam waren, allerdings nur wenig Fleisch und eine grobe Wolle lieferten.

Man machte sich Gedanken zur Veredelung der wenig geltenden inländischen Schafzucht und da die Wolle im 18. Jahrhundert die wichtigste Nutzungsrichtung der Schafzucht war, sucht man nach Schafen mit einer feineren Wolle. Die spanischen Schafe waren in der Feinheit der Wolle die Vollkommensten, jedoch waren aufgrund von Ausfuhrhindernissen spanische Widder nicht in ausreichender Zahl zu bekommen. England war bekannt für edle Schafe, doch der Streit mit Spanien um den Vorrang in der Zucht der edleren Schafe führte zu einem Ausfuhrverbot für edle Schafe. Auch in Schweden sollte zu dieser Zeit "gute feine Schafe" vorkommen, doch Schweden war zu weit weg. So blieb denn das benachbarte Italien, das in Apulien aber auch im nahegelegenen paduanischen Gebiet "edle Schafe mit einer sehr feinen zu allen Manufakturen tauglichen Wolle" besaß. In der folgenden Zeit wurden also immer wieder Paduaner Böcke, die sogenannten "Seidenschafe", zur Veredlungskreuzung der einheimischen Landschafe nach Kärnten eingeführt. Das führte im Laufe des 18. Jahrhunderts zu einem neuen, sich von den typischen Landschafen deutlich unterscheidendem Schaftyp, der 1844 erstmals beschrieben wird und 1880 zum ersten Mal als "Seeländer Rasse" benannt wird. Der Name bezog sich auf das hauptsächliche Verbreitungsgebiet um das Dorf Seeland, das nach dem ersten Weltkrieg zum damaligen Jugoslawien gehörte, heute auf slowenischem Staatsgebiet liegt. Diese Schafe, "die im südlichen Kalkgebirge und in den daran anstoßenden Ortschaften angetroffen werden, zeichnen sich durch ihr Gewicht, ihre feine Wolle, besondere Stärke und Munterkeit besonders aus".

 

Typischer Lebensraum der Kärntner Brillenschafe

 

Die Vorzüge dieser neu entstandenen Schafrasse sprachen sich herum und so breitete sich der Seeländer Schlag von den südlichen Kalkalpen ausgehend in ganz Kärnten, der südlichen Steiermark und letztlich in weiten Teilen Österreichs bis hin ins bayrische Voralpenland aus und wurde immer wieder gerne zur Veredlung minderer Landschafe verwendet. Im Unterschied zu den ebenfalls zur Verfeinerung der Wolle eingeführten Merinoschafen, waren diese Kärntner Schafe nämlich abgehärtet und robust und an das rauhe Klima in den Alpen angepasst. Die Merinozucht wurde in Kärnten bald wieder aufgegeben, da die Tiere mit dem kargen Futter nicht auskamen, den extremen Temperaturen nicht gewachsen waren und sich die hohen Niederschlagsmengen negativ auf die Wolle auswirken. Das Seeländer Schaf besaß aber neben dem Vorzug der feinen Wolle auch noch ein beachtliches Gewicht. Sie erreichten das Doppelte als die gewöhnlichen Landschafe, jedoch nicht das der Bergamasker, den sogenannten Alpenriesenschafen. Die Bergamasker Schafe aus Oberitalien sollen die weitaus größte europäische Schafrasse gewesen sein. Nichtsdestotrotz waren die Kärntner Schafe als Schlachtware außerordentlich begehrt und sie waren beweglich und robust genug, um von den Alpweiden weg zu Fuß bis nach Paris auf den Markt getrieben zu werden. So wurden bis ins 20. Jahrhundert hinein jährlich an die 30 000 Kärntner Schafe nach Frankreich und etwa 14 000 in die Schweiz verkauft. Die Erhöhung der Einfuhrzölle für lebende Schafe gegen Ende des 19. Jahrhunderts erschwerte den Absatz der Weideschafe im Ausland und führte zusammen mit der starken Konkurrenzsituation in der Wollproduktion durch billige Wolle aus Übersee zum großen Rückgang der Schafzucht vom Jahre 1869 bis 1910. Man versuchte als Verbesserungsmaßnahmen die Einkreuzung von Original-Bergamasker Riesenschafen, um die Fleischleistung noch zu steigern, doch die dadurch erfolgte Vergröberung der Wolle war bei den Züchtern nicht erwünscht. Anfang des 20. Jahrhunderts bemühte man sich, durch Prämierungen von Zuchtschafen das Interesse an der Schafzucht wachzuhalten. Vor allem die Fleischleistung und deren Verbesserung wurde in den Vordergrund gestellt. Dazu führte man britische Fleischschafe ein und versuchte eine Veredelung und Verbesserung der Fleischleistung der einheimischen Schafe durch Kreuzungen zu erreichen. Dieses Vorgehen sollte aber nur lokale Bedeutung erlangen, denn zu dieser Zeit hatte sich das Kärntner Schaf in weiten Teilen Kärntens bereits durchgesetzt und wurde auch außerhalb des Zuchtgebietes zur Verbesserung der Schafzucht herangezogen.

 

Bergamasker-Bock, Reichnährstandsausstellung München 1937

 

Ab 1911 führte ein erhöhter Fleischbedarf der Bevölkerung zu einer Preissteigerung der Schafe und die Schafhaltung wurde wieder rentabel. Während des Ersten Weltkriegs und in der Zeit danach erfreute sich gerade das Kärntner Schaf in ganz Österreich großer Beliebtheit, weil es gute Wolle lieferte, eine ausgesprochen hohe Schlachtausbeute erzielte und dabei noch fruchtbar und genügsam war. In Kärnten passte man sich dieser Situation mit ihren guten Absatzmöglichkeiten an. Im Jahre 1923 erreichte die Schafhaltung dort ihren Höhepunkt. Zu dieser Zeit gab es zwar schon einen einheitlichen Typ des Kärntner Schafes, jedoch herrschte eine wirre Vielfalt an Bezeichnungen, die meist nur lokale Bedeutung hatten. So gab es Seeländer, Uggowitzer, Canaltaler, Gurktaler, Bleiburger oder Petzener, jedes Tal schien seine eigenen Schafe zu haben. Nach dem Ersten Weltkrieg wurde dann der Vorschlag gemacht, alle diese gleichartigen Schafe gemeinsam als "Kärntner" zu bezeichnen und diesen Namen auch außerhalb Kärntens für Schafe zu verwenden, die die typischen Merkmale besaßen und von diesen abstammten.

Kärntner Bock um 1938

 

Im Deutschen Reich kam es auch in der Tierzucht zu einer "Rassebereinigung". Die Vielzahl an Schafrassen wurde als hemmend für den züchterischen Fortschritt angesehen und so wurden 1939 alle Bergschafrassen zum "Deutschen Bergschaf" zusammengefasst. Als Rasseziel wurde ab sofort der Typ der Bergamasker und Kärntner Schafe angestrebt, die als ein und dasselbe angesprochen wurden, mit dem einzigen Unterschied, dass die Bergamasker "stets reinweiß" waren.
In Österreich galt die Rasse bald als ausgestorben. Nur gelegentlich mendelten aus Beständen weißer Bergschafe Einzeltiere mit schwarzen Ohrspitzen und "Brillen" um die Augen heraus. Hinzu kam, dass die Schafzucht in Kärnten insgesamt stark zurückging. Wurden um 1900 in der Marktgemeinde Eisenkappel-Vellach noch 2730 Schafe gezählt, so waren es im Jahre 1962 nur noch 147 Stück. Die Gründe dafür waren zum einen ein akuter Arbeitskräftemangel durch die Weltkriege und das Abwandern der jungen Leute in die Städte, eine starke Förderung der Rinderzucht, die dem erhöhten Bedarf an Fleisch schneller nachkam und große Verluste durch Bären, die das Weiden der wenigen verbliebenen Schafe noch unrentabler machten. Bis in die Mitte der 50er Jahre fand auch ein Austausch von Tieren mit den benachbarten Tälern im heutigen Slowenien statt, was durch den "Eisernen Vorhang" mehr und mehr erschwert bis unmöglich wurde. Somit fiel auch dieser Anreiz weg und bis auf wenige Einzeltiere schien die große Ära des Kärntner Schafes Vergangenheit zu sein.
Mit der Erhaltungszucht in Österreich begann man vor ca. 15 Jahren und ging gezielt auf die Suche nach Restbeständen dieser alten Kärntner Rasse. 17 weibliche und 6 männliche Tiere konnten ausfindig gemacht werden und mit ihnen begann man die mühsame Erhaltungszucht. Es wurden mehrfach Tiere aus Deutschland nach Österreich gebracht, um zu starke Inzucht zu vermeiden. Da sich aber die Bayrischen Brillenschafe im Laufe der jahrzehntelangen Isolation von ihren ursprünglichen "Stammeltern" in Kärnten in eine andere Richtung entwickelt hatten, war man bestrebt, die österreichische Population möglichst nach dem Vorbild des alten "Seeländer Schafes" mit allen seinen in alten Zeiten so begehrten Vorzügen zu erhalten und ging gezielt im Ursprungsgebiet dieser Rasse, in Seeland, im heutigen Slowenien auf die Suche. Unter den schwierigsten Umständen konnte man wenige Einzeltiere finden und 1990 gelang der erste Import eines Widders, dem 1992 ein weiterer Bock und 5 weibliche Tiere folgten. So wurden 1992 schon wieder 150 Kärntner Brillenschafe in Österreich gezählt. Die engagierten Züchter haben im Dezember 1995 einen eigenen "Verein der Kärntner Brillenschafzüchter Alpen-Adria" mit Sitz in Ferlach gegründet.

Brillenschafe in den Hohen Tauern, Salzburg

 

Das Kärntner Brillenschaf heute

Heute ist das Kärntner Schaf unter dem bezeichnenderen Namen "Kärntner Brillenschaf" bekannt. Der "Verein der Kärntner Brillenschafzüchter Alpen-Adria" hat in den knapp sechs Jahren seines Bestehens schon viel erreicht. So gibt es in Österreich mittlerweile wieder 105 Züchter des Kärntner Brillenschafes, den Großteil davon in Kärnten, aber auch in Salzburg und Deutschland gibt es begeisterte Anhänger dieser Rasse. Der Bestand ist in Österreich auf 1533 Brillenschafe angewachsen, davon 150 Zuchtwidder und 1400 weibliche Zuchtschafe (Stand Januar 2002). In Deutschland schätzt man den Gesamtbestand auf etwa 300 Tiere. In Südtirol wird die Rasse unter dem Namen "Villnößer Schaf" gezüchtet und der Bestand auf 800 bis 900 Tiere geschätzt. Letztlich ist auch im eigentlichen Ursprungsland dieser Schafe, in Slowenien, die Zucht mittlerweile in einem Schafzuchtverband organisiert. Hier heißt die Rasse Jezersko-Solcavska Rasse nach den Orten Jezersko und Solcava, in denen die Zucht dieser Schafe am meisten verbreitet war. Über das Interreg-Projekt "Kärntner Brillenschafzucht ohne Grenzen" arbeiten die Vereine in Österreich und Slowenien eng zusammen und auch mit den deutschen und südtiroler Züchtern findet immer wieder Informationsaustausch statt.
Je mehr Leute diese Schafe in ihr Herz schließen, desto mehr Unterstützung gibt es bei der wichtigen Aufgabe, diese Rasse zu erhalten. So hat sich der deutsche Optiker Günther Fielmann, der selber ökologische Landwirtschaft auf seinen mittlerweile vier Höfen in Norddeutschland betreibt, für die Brillenschafe begeistern können und hält eine beachtliche Herde Kärntner Brillenschafe und andere alte Haustierrassen auf seinen Gütern. Er hat dem Verein mit einer großzügigen finanziellen Unterstützung die umfangreiche Genotypenanalyse erst ermöglicht.

 

 

Warum gerade Kärntner Brillenschafe für die Zukunft?

Ein erster Erfolg der Brillenschafzüchter ist es, dass die Kärntner Brillenschafe nicht mehr akut vom Aussterben bedroht sind. Sie sollen aber auch in Zukunft ihren berechtigten Platz in der Landwirtschaft einnehmen. Und dafür gibt es mehr Gründe, als nur die Liebhaberei einiger enthusiastischer Züchter. Zum einen genetische, aber auch sozioökonomische, kulturelle und ökologische Aspekte, die nicht unbeachtet bleiben dürfen.
Das Kärntner Brillenschaf ist das Produkt von zufälligen genetischen Veränderungen, wie Mutationen und genetischer Drift, genauso wie von Anpassung und Entwicklung unter den verschiedensten Einflüssen, wie Klima, endemischen Parasiten und Krankheiten, verfügbarem Futter und letztlich den Selektionskriterien des Menschen, die oft über viele Jahrhunderte auf sie einwirkten und sie formten. Jede Rasse ist somit eine einzigartige Kombination an Genen. Gehen Rassen verloren, so gehen mit ihnen wertvolle Gene verloren, die vielleicht nicht heute, aber in naher Zukunft von großer Bedeutung sein könnten, aber einmal verschwunden, unwiederbringlich sind.
Das Kärntner Brillenschaf ist ein Relikt aus alter Zeit, das unseren Kindern und den zukünftigen Generationen unsere Kultur und Traditionen, die jahrhundertelang von unseren Haustieren geprägt waren, in lebendiger Weise nahe bringt. Zusätzlich kann es auch in heutiger Zeit zum Wirtschaftsfaktor seiner Heimat werden, durch die speziellen Produkte, als Touristenanziehungspunkt und in der Landschaftspflege. Global betrachtet stellt es eine wertvolle Genreserve dar, die als Bestandteil der biologischen Vielfalt auf unserer Erde nicht verloren gehen darf.

 

Text-Quelle: Auszüge aus der Doktorarbeit "Untersuchungen zur genetischen Variabilität der Kärntner Brillenschafe in Österreich" von Frau Dr. Katharina Schwend.

 

Diese Seite wurde erstellt mit